Felicitas Frischmuth - Lyrikerin

Felicitas Frischmuth (1930 - 2009) von Gerhard Schmidt-Henkel

Ein Bild, das bleiben wird: Felicitas Frischmuth liest ihre Texte; sie liest sie wie aus einem anderen Raum. Wir folgen ihr gern dorthin. Sie liest leise, fast monoton, in einem leicht berlinernden Tonfall, den kein dort Geborener verliert. Wir waren immer fasziniert, vom schwebenden Gesang dieser Lyrik (und auch der Prosa), von diesen Einzelwörtern in neuer Gruppierung, von diesem Nichtwort, ausgespannt zwischen Wort und Wort: "Ich bin doch neugierig, wo die Seele hinfliegen wird, ich behelfe mir so, indem ich Seele sage und hinfliege. Les mots sous les mots." ("Kleine Erschütterungen - Eine Mutter aus Wörtern").
Sie hat aus einem additiven Geflecht von Wörtern, Begriffen und Stimmungen ein dichtes Gewebe von Poesie geschaffen, eine unverwechselbare Stimme der Gegenwartsliteratur. In einem Aphorismus, gedruckt auf einer Postkarte, mahnt sie uns: "Beim Lesen muß man aufpassen wie auch beim Überqueren der Straße." (In den anderen Raum?)
Auf welche Straßen hat sie uns doch geführt: von hier und dort nach Baltersweiler in die Damra, nach München, Worpswede und Portugal, immer wieder nach Frankreich, mit der Eisenbahn und häufig gehend.
Ein Gedichtband von 1995 trägt den Titel "Im Gehen. Quand on marche." Er enthält 33 Gedichte von Felicitas Frischmuth auf deutsch und französisch und 33 Gedichte von Bernard Vargaftig auf französisch und deutsch; beide Autoren übersetzen einander gegenseitig, "dazwischen tänzelt es zweisprachig hin und her", schreibt der unvergessene Eugen Helmlé in seinem instruktiven Nachwort.

 

Fee an der Damra, 1968

Fee an der Damra, 1968

Am Anfang dieses Buchs, einem Gesamtkunstwerk, sind vier Tuschezeich-nungen Leo Kornbrusts wiedergegeben, und auf dem hinteren Umschlag sehen wir einen grauen Granitkubus, einen Schriftstein von Leo Kornbrust, in Draufsicht und in der Diagonalen, sandgestrahlt eingeschrieben sind die Gedichte "Les hauteurs les premiers arbres" von Vargaftig und "Der Baum zittert im Wasser" von Frischmuth.
Damit sind wir beim couple Frischmuth / Kornbrust, bien assorti et artistique, und bei der Frage in der letzten Veröffentlichung "Metamorphosis" (2008) mit Gedichten von Felicitas und Zeichnungen von James Reineking: Ein Bildhauer, der tonnenweise mit Stahl arbeitet, wie Reineking, oder mit dem Stein, wie Kornbrust, und eine Schriftstellerin, die mit Worten arbeitet, wie kommen die zusammen?

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